Kunst und Politik
Wechselwirkung von Realität und ihrer Abbildung

Auf den ersten Blick mag es kaum zwei Phänomene der menschlichen Zivilisation geben, die weniger miteinander zu tun haben könnten, als zwei so unterschiedliche Dinge wie Kunst und Politik. Bei genauerem Hinsehen wird jedoch schnell klar, dass die Grenzen zwischen kreativem Ausdruck eines Künstlers und nüchternen Realitäten, die politisches Handeln bestimmen, im gemeinsamen Rahmen der Kultur einer Gesellschaft, fließend sind. Ein künstlerisch tätiger Mensch lebt nie im luftleeren Raum, sondern ist immer Teil einer Gesellschaft. Sein Werk ist deshalb immer auch Ausdruck seiner Lebensumstände, die maßgeblich von der politischen Entscheidungen bestimmt werden. So kann kreatives Schaffen gesellschaftliche Verhältnisse widerspiegeln, kann sie loben und verherrlichen, sie aber genauso auch beklagen und kritisieren. Dabei genießt der Künstler in der freien, zivilisierten Welt, das Privileg, ungestraft Klartext zu reden, kein Blatt vor den Mund zu nehmen, zu provozieren, selbst zu schockieren und die Grenzen des mehrheitlich so empfundenen "guten Geschmacks" bewusst zu überschreiten.

Die Künste sind jedoch weit mehr als ein Spiegel politischer und gesellschaftlicher Realitäten, also passives Element, sondern ihrerseits durchaus in der Lage, Einfluss zu nehmen, Wahrnehmung zu verändern und so Realität zu gestalten. Ausdruck findet diese Tatsache leider jedoch allzu häufig im negativen Sinne. Politisches Handeln ist immer auch Teil von Herrschaft und Herrschaft basiert nicht zuletzt immer auch auf der Wahrnehmung der Herrschenden durch eine breite Öffentlichkeit. Besonders in Zeiten, in denen einer interessierten Öffentlichkeit noch nicht die heute so selbstverständlichen Möglichkeiten der Information über Akteure und Mechanismen der Macht zur Verfügung standen, nutzten Herrschende bewusst die Künste, um ein Bild von sich, von der Realität vor und jener unter dem Einfluss ihrer Herrschaft zu erschaffen, das diese rechtfertigt und auszeichnet.

Bereits frühgeschichtliche Herrscher, Kaiser, Könige und Pharaonen, ließen sich, ihr Leben, entscheidende historische Ereignisse ihrer Herrschaftszeit und damit ihren Herrschaftsanspruch künstlerisch darstellen und nutzten dabei bewusst die Möglichkeit der positiven Überzeichnung bis hin zur bewussten Verfälschung, um sich im besten Licht erscheinen zu lassen. Gemeinsam mit einer von ihnen bestimmten Geschichtsschreibung beeinflussen künstlerische Werke so bis zum heutigen Tag weite Teile der Menschheitsgeschichte, aus denen ansonsten kaum Grundlagen einer objektiven Betrachtung zur Verfügung stehen.

Als Werkzeug der Politik sind Kunstwerke jedoch bis zum heutigen Tag mehr, als die geheimnisvolle Schönheit einer Büste der Nofretete oder das Bild eines Feldherrn hoch zu Ross, nach siegreicher Schlacht. Spätestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts wird das Kreative immer wieder erfolgreich eingesetzt, um Massen zu beeinflussen, zu motivieren und zu lenken. So waren Künstler in den verhängnisvollen Jahren bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, vor allen Dingen jedoch in der Weimarer Republik und dem anschließenden Dritten Reich wichtiges Mittel der Propaganda. Dabei waren es vor allen Dingen neue, moderne Formen der darstellenden Künste, wie Rundfunk und Film, die erfolgreich genutzt wurden, die politische Meinungsbildung zu Gunsten des herrschenden Systems zu beeinflussen und Menschen zum Äußersten zu motivieren. Insbesondere totalitäre Systeme nutzten in der Geschichte immer wieder diese Möglichkeit, so ist die staatliche Steuerung in der DDR und Ländern der ehemaligen UdSSR vor diesem Hintergrund zu betrachten. Bis heute ist am Verhältnis einiger Staatsführungen insbesondere zu regierungskritischen Künstlern abzulesen, welche Macht im Bereich der politischen Meinungs- und Willensbildung zumindest von den Herrschenden den Künsten zugeschrieben wird.

Beispiele der Interaktion

Wo sich Künste und politische Realität treffen und wie und in welchem Maße die eine Disziplin auf die andere konkret auf die andere Einfluss nehmen will und nimmt, ist nicht immer auf Anhieb zu bestimmen. Einige historische Beispiele veranschaulichen jedoch exemplarisch die Wechselwirkung.

Künstler und Politiker in einer globalisierten Welt

Mehr denn je überschreiten Künstler heute Landes- und Staatsgrenzen. Wurde ein Künstler noch vor wenigen Jahrzehnten vornehmlich in einem engen Radius um den Ort seines Schaffens wahrgenommen und interagierte er so auch in der Hauptsache mit den dort aktuellen politischen und gesellschaftlichen Kräften und Verhältnissen, leben wir heute auch künstlerisch in einer Welt ohne Grenzen. Vor allen Dingen das Internet ermöglicht es fast allen Kunstformen, Interessierte rund um den Globus in Echtzeit zu erreichen. Hierdurch sieht sich der Politiker in einem weiteren Aspekt, nicht selten schmerzhaft, mit dem Künstler verbunden: international wird nationales Kunstschaffen als Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse und Meinungen bewertet und Kritik am Kunstwerk allzu oft mit Kritik am System der Heimat des Künstlers verbunden. Regierungsvertreter werden aktuell vermehrt genötigt, Stellung zu beziehen, wenn künstlerisch Kritik zum Beispiel an Herrschenden anderer Nationen geübt wird. Dabei bewegt sie sich immer im Spannungsfeld zwischen der in der westlichen Welt hoch geachteten Freiheit der Künste und politischer Verantwortung in internationalen Beziehungen. Im gleichen Maße wächst hier die Verantwortung, die dem Künstler zukommt: ein in Deutschland als geschmacklos missachtetes, ignoriertes und vermutlich schnell vergessenes Kunstwerk schadet maximal dem Ansehen und damit auch dem Fortkommen des Künstlers. Selbst gelungene künstlerische Kritik an Personen, Institutionen und Verhältnissen ist unter aufgeklärten Verhältnissen etwas, mit dem die Getroffenen zu leben gelernt haben und das selten geeignet ist, für sich genommen bleibenden Schaden zu verursachen. Ein Kunstwerk, das unter angespannten Verhältnissen zwischen Nationen unterschiedlicher kultureller Entwicklungsstufen, Kritik am Gegenüber übt, kann hingegen zu schweren internationalen Verstrickungen führen und so im negativsten Sinne, gewollt und nur unbedacht, Einfluss auf die politischen Verhältnisse nehmen.
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